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25.3.2025

Irini Ioannidou: Aufgeben ist keine Option

Den stärksten, den wichtigsten Satz spricht Irini Ioannidou ganz am Ende des Gesprächs aus. „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, sagt Ioannidou. Nicht laut, aber entschlossen, kämpferisch: „Ich bin ein positiv denkender Mensch und glaube an Wunder.“ Um dann eine Frage zu stellen, die sie direkt selbst beantwortet: „Warum sollte es nicht auch für mich ein Wunder geben? Aufgeben ist keine Option.“ Ioannidou, 33 Jahre, 162 Bundesligaspiele, früher DFB-U-Nationalspielerin, leidet an amyotrophe Lateralsklersose, besser bekannt als ALS – einer unheilbaren Krankheit. Für ihren Mut, ihre Geschichte in der breiten Öffentlichkeit zu teilen und als Vorbild für zahlreiche weitere an ALS erkrankte Personen aufzutreten, erhält Irini Ioannidou in diesem Jahr den Sepp-Herberger-Award in der Kategorie Sozialwerk.
 
Im Oktober 2023 wurde der fortschreitende Verlust von Nervenzellen bei ihr diagnostiziert. Seitdem geht es ihr schubweise schlechter. Die Folgen der Krankheit sind dramatisch. Nach und nach tritt eine Muskellähmung ein. Dadurch ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. „Ich bin meiner Familie, meinen Freunden und meiner Lebensgefährtin unglaublich dankbar, die mich rund um die Uhr unterstützen“, sagt Ioannidou. „Wer mich kennt, weiß, dass mich nichts so schnell aus der Bahn wirft, ich nicht leicht unterzukriegen bin. Ich habe immer lieber Anderen geholfen, als selbst um Hilfe zu bitten und auch anzunehmen. Jetzt bin ich allerdings an einem Punkt angelangt, wo ich auf Unterstützung anderer angewiesen bin.“

2023 wurde bei Irini Ioannidou ALS diagnostiziert. Den Kampf dagegen hat sie längst angenommen. (Foto: © framesign)

Therapien müssen privat bezahlt werden
 
In der Schulmedizin gibt es derzeit nur ein Medikament, das die Krankheit verzögert. Ioannidou ist bei ihrer Recherche nach weiteren Möglichkeiten auf eine Kombination von Therapiemaßnahmen gestoßen, die Patientinnen und Patienten mit gleichen Symptomen und Verläufen unterstützt und zur Verbesserung der Lebenssituation beigetragen haben. Das Problem: Die Maßnahmen müssen selbst gezahlt werden. Der hohe fünfstellig Betrag war für Ioannidou allein nicht mehr stemmbar.
 
Sie hat daher Ende des vergangenen Jahres eine Spendenaktion gestartet – mit unglaublichem Feedback. Innerhalb von nicht einmal 48 Stunden hat ihr Schicksal tausende Menschen berührt. Vor allem aus der Fußballerinnenszene. Ioannidou hat auf diesem Weg mittlerweile über 110.000 Euro gesammelt, mit der sie die Therapie beginnen konnte: „Ich habe in Deutschland und der Schweiz verschiedene Dinge ausprobiert. Einiges hat sehr gut angeschlagen, auf anderes hat mein Körper ablehnend reagiert. Ich kämpfe weiter gegen diese Krankheit an.“
 
“Bin Freunden und Familie unendlich dankbar“
 
Wer mit Ioannidou spricht, erlebt die Kämpferin, die sie früher auch auf dem Fußballplatz war. Die Krankheit sorgt unter anderem dafür, dass sie Schwierigkeiten beim Sprechen hat. Allein kann sie die Wohnung nicht mehr verlassen. In ihrem gewohnten Umfeld kann sie sich zwar noch ohne Gehhilfe fortbewegen: „Aber ich werde mich damit abfinden müssen, dass ich auch hier bald Unterstützung brauchen werde.“
 
Ioannidou hat sich schon oft gefragt, warum ausgerechnet sie dieses Schicksal erleiden musste. „Aber es bringt nichts, diese Frage zu stellen“, betont sie. „Es gibt sowieso keine Antwort darauf. Ich nehme die Situation jetzt so an, wie sie ist und versuche, das Beste daraus zu machen.“ Bei allem Optimismus gibt es bessere und schlechtere Tage: „Manchmal bin ich niedergeschlagen und müde. Aber dann helfen mir die Gespräche mit meinen Freunden und meiner Familie. Die Unterstützung, die ich von allen Seiten bekommen, ist unglaublich. Ich bin diesen Menschen unendlich dankbar.“

Ihre letzte Vereinsstation war 2021 der 1. FC Köln. (Foto: © 1. FC Köln)


Alles begann mit Schluckbeschwerden

 
Ioannidou wurde in Essen geboren. Sie hat lange für den FCR 2001 Duisburg, die SGS Essen und zuletzt für den 1. FC Köln gespielt. Sie hat für die U15, U17 und U21 das DFB-Trikot getragen. Sie stand im Halbfinale der Champions League, hat den früheren UEFA-Cup geholt und zweimal den DFB-Pokal gewonnen. Im November 2021 beendete sie ihre Karriere.
 
Im Januar 2023 merkte Ioannidou, dass etwas nicht stimmte. Erste neurologische Störungen traten auf. Zunächst hatte sie dauerhafte Schluckbeschwerden. Dann merkte sie, dass ihr rechtes Bein sich ungewohnt verhielt, wenig später war es bei der rechten Hand der Fall. Sie begab sich in Behandlung. Es wurden Blutbilder gemacht, verschiedene Tests. Im Oktober hatte sie dann Gewissheit. Die niederschmetternde Diagnose lautete: ALS.
 
40.000 Volt in den Körper
 
Seitdem macht sie alles, um den Verlauf der Krankheit zu verlangsam. Als heilbar gilt sie bis heute nicht. Sie hat sich Strom, 40.000 Volt, in den Körper geben lassen. Sie hat eine Infusionstherapie gemacht. Sie hat eine Gehirnstimulation durchgeführt. Inzwischen hat sie auch ein Gerät dafür zuhause, mit dem sie zwei- bis dreimal am Tag ihr Gehirn stimuliert. Das alles finanziert Ioannidou aus eigener Kasse.
 
„Jeder Euro hilft mir auf meinem Weg“, sagt Ioannidou. Der Sepp-Herberger-Award ist mit 12.500 Euro dotiert. „Ich bin sehr dankbar für diese finanzielle Unterstützung“, sagt sie. Und trotzdem bleibt sie bescheiden: „Es gibt viele Fußballerinnen und Fußballer, die unverschuldet in Not geraten sind. Ich bin nur ein Beispiel dafür“, ergänzt die 33-jährige.
 
Finanzielle Unterstützung weiterhin nötig

 
Es gibt Statistiken, die Ioannidou verzweifeln lassen könnten: ASL-Patientinnen und -Patienten haben nach der Diagnose noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von drei bis fünf Jahren. Doch es gibt auch zahlreiche Beispiele für sehr langsame Verläufe. Mehr als zehn Prozent der Erkrankten lebten noch zehn Jahre – oder sogar länger. Und genau darauf hofft auch Ioannidou. Deshalb sagt sie es nochmal. Immer noch nicht laut, aber immer noch entschlossen, kämpferisch: „Ich gebe nicht auf. Niemals. Ich glaube an ein Wunder.“
 
Irini Ioannidou ist weiterhin auf Spenden angewiesen. Wer sie bei ihrem Kampf gegen ALS unterstützen möchte, kann sie über die sozialen Netzwerke (@iri_ioa11) kontaktieren. Jeder Euro hilft ihr.

Für die SGS Essen machte Ioannidou über 170 Pflichtspiele. (Foto: © SGS Essen)


 
Über die Sepp-Herberger-Awards
 
Am 31. März werden die Sepp-Herberger-Awards in der VW-Autostadt in Wolfsburg verliehen (um 20:15 Uhr live auf #dabeiTV bei MagentaTV und auf dem DFB-YouTube-Kanal). Elf Preisträgerinnen und Preisträger erhalten im Rahmen eines abwechslungsreichen Bühnenprogramms Auszeichnungen in den Kategorien Handicap-Fußball, Resozialisierung, Schule und Verein, Fußball-Stiftung sowie Sozialwerk. Bei der Verleihung mit prominenten Persönlichkeiten wie DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Julian Nagelsmann, Alexandra Popp und Philipp Lahm werden Geldpreise im Wert von insgesamt 100.000 Euro vergeben.
 
Schalten Sie am 31. März um 20.15 Uhr ein. Dabeisein lohnt sich.
 
Hier geht es zum Livestream auf dem DFB-YouTube-Kanal. Weitere Informationen zur Veranstaltung und den Preisträgern aus den weiteren Kategorien finden Sie hier.
 

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