29.10.2026

Einarmiger Nationalspieler und Vorbild: Die Geschichte von VfB-Legende Robert Schlienz

Fußballer mit Handicaps gibt es viele. Sie nehmen große Anstrengungen auf sich, um ihren Sport betreiben zu können, aber auf die große Bühne schaffen sie es normalerweise nicht. Im deutschen Fußball gab es jedoch eine ganz große Ausnahme, die es sogar zum A-Nationalspieler brachte: Robert Schlienz (1924–1995) kam noch im Alter von 30 Jahren zu drei Länderspielen an der Seite der „Helden von Bern“. Dabei hatte das Idol des VfB Stuttgart nur einen Arm.

Getragen von der Begeisterung: Robert Schlienz, Kapitän und Idol des VfB Stuttgart, lässt sich nach einem großen Erfolg feiern. (Foto: VfB Stuttgart)

Auf der Homepage des VfB lesen wir dazu: „Ohne es selbst zu thematisieren, wurde Robert Schlienz zugleich ein Vorbild und Impulsgeber für viele Menschen mit Körperbehinderung und für sporttreibende Kriegsversehrte – zu einer Zeit, in der Inklusion und Teilhabe durch Sport überhaupt noch keine gesellschaftliche Relevanz besaßen.“ Dies ist seine Geschichte.

Robert Schlienz kam am 3. Februar 1924 im schwäbischen Zuffenhausen zur Welt, kickte beim örtlichen FVZ und fiel im Kriegsjahr 1944 den Spähern des VfB Stuttgart auf. Dessen Präsident mit dem bedeutungsschwangeren Namen Fritz Walter (so hieß nicht nur der spätere Kapitän der Berner Helden, sondern auch ein großer VfB-Torjäger der Neunziger) überredete Vater Paul dazu, seinen über die Maßen torgefährlichen Sohn zum VfB zu schicken. Robert gehorchte, agierte schon Anfang 1945 dort als „Gastspieler“ und wechselte nach Ende des Krieges – aus dem er als Andenken an die Ostfront eine Narbe am Kiefer durch eine Schussverletzung davontrug – offiziell nach Stuttgart.

Shakehands vor dem Anpfiff: Robert Schlienz begrüßt als Spielführer des VfB Stuttgart den gegnerischen Kapitän. (Foto: VfB Stuttgart)

Mit 21 Jahren war er bereits dabei, als die erste nach Kriegsende gegründete höchste Fußballklasse startete: die Oberliga Süd. In jener Premieren-Saison 1945/46, die am 4. November 1945 begann und in der er beim 3:1 gegen den Karlsruher FV gleich doppelt traf (Siegprämie: 30 Mark), stellte Schlienz einen Rekord auf, über den Statistiker bis heute streiten. Dies ist den damaligen Umständen geschuldet, unter denen Reporter arbeiten mussten: Fernsehen gab es nicht, Kameras der Kino-Wochenschau kamen nur zu Endspielen und vom Tribünenplatz war nicht immer genau zu erkennen, wer im Getümmel den Ball getroffen hatte. Oft bestimmte schlicht der Stadionsprecher den Torschützen.

Torjäger mit Rekordmarke: In der Premierensaison der Oberliga Süd 1945/46 traf Robert Schlienz mehr als 40 Mal und wurde erster Torschützenkönig der Liga. (Foto: Baumann)

Sicher ist aber, dass Schlienz der erste Torschützenkönig der Oberliga Süd und der VfB deren erster Meister wurde – auch wenn die publizierte Anzahl seiner Saisontreffer zwischen 42 und 46 variiert. In jedem Fall ist es die höchste Trefferzahl, die jemals ein Erstligaspieler in Deutschland innerhalb einer Saison erzielt hat, selbst wenn sich Vergleiche mit der heutigen Bundesliga verbieten. Damals gab es in Westdeutschland vier Oberligen und die Berliner Stadtliga. Schlienz spielte in seiner gesamten Karriere nur für den VfB (laut Vereinszählung mindestens 425 Spiele und 146 Tore) und das Team mit dem roten Brustring erlebte in den Fünfzigerjahren goldene Zeiten: Deutscher Meister 1950 und 1952 sowie DFB-Pokalsieger 1954 und 1958. All das mit einem einarmigen Spielführer und Torjäger, den der bekannte Sportautor Hans Blickensdörfer noch eine Stufe über Gerd Müller und Uwe Seeler stellte.

Goldene Fünfzigerjahre: Mit seinem einarmigen Kapitän holte der VfB Stuttgart die Deutschen Meisterschaften 1950 und 1952. (Foto: VfB Stuttgart)

‍Schicksalsschlag auf der Landstraße: „Ich werde weiterspielen“

Das Leben von Robert Schlienz änderte sich am Samstag, 14. August 1948, schlagartig. Über den tragischen Autounfall auf einer maroden Straße gibt es diverse Versionen. Der kicker schrieb noch 2024 dazu: „Die Geschichte des Angreifers ist eine viel erzählte und doch eine mit der einen oder anderen Unstimmigkeit, die selbst das Archiv des VfB auf Rückfrage nicht mit Bestimmtheit aufklären kann.“ Am besten lässt man ihn selbst erzählen: Ein kaum bekannter Artikel im Fachblatt „Der Sport“ (später Sport Magazin) vom 25. August 1948 enthält einen längeren O-Ton von Schlienz, quasi direkt aus dem Krankenbett. Schlienz hatte am Vortag den Tod seiner Mutter zu betrauern. Dennoch wollte er zum Testspiel nach Aalen mitfahren, verpasste aber den Mannschaftsbus und ließ sich spontan von einem Freund chauffieren.

Sein Wortlaut: „An jenem Nachmittag fuhr ich mit einem Lieferwagen der VfB-Mannschaft in Richtung Aalen nach und hatte mich kurz vor dem Ziel selbst ans Steuer gesetzt. Ich kam aber zu weit nach rechts und versuchte mit aller Gewalt, den Wagen wieder nach links zu bringen. Dabei brach ein Hinterrad. Der Wagen schlingerte, wodurch ich mit dem linken Arm durch das offene Fenster griff, um mich festzuhalten. In diesem Augenblick überschlug sich der Wagen und quetschte mir den Arm oberhalb des Ellenbogengelenks ab. Im Krankenhaus konnte dann die Amputation nicht mehr verhindert werden. Für mich als leidenschaftlichen Fußballer war dies ein harter Schicksalsschlag. Aber jetzt überwand ich den ersten körperlichen und seelischen Schmerz. Ich werde weiterspielen.“

Sensationelles Comeback und der Weg ins DFB-Team

Und wie er das tat: Zwei Monate lag er im Krankenhaus, erst am 25. Oktober 1948 meldeten die Badischen Neuesten Nachrichten seine Entlassung. Sensationell: Schon am 5. Dezember stand er wieder auf dem Fußballplatz und erlebte gleich einen 2:1-Sieg gegen den FC Bayern München. „Ja, es war eine ungeheure Überwindung notwendig“, gestand er 1979 dem kicker. Trainer Georg Wurzer spielte eine Hauptrolle in dieser bewegenden Geschichte: Er übte mit seinem Ausnahmekicker in Extraschichten nach dem Training das Abrollen bei Stürzen, um ein Aufprallen auf den Stumpf zu vermeiden. Zudem zog er ihn eine Linie zurück und nahm ihn aus dem harten Gefecht im Strafraum. Nun agierte Schlienz als Außenläufer und auf seine alten Tage – er spielte bis zum Alter von 36 Jahren (Karriereende 1960) – als eine Art Libero.

Weil ihn seine Behinderung offenkundig kaum beeinträchtigte und der VfB mit seinem Kapitän von Sieg zu Sieg eilte, kam auch der Bundestrainer nicht mehr an ihm vorbei. 1955 und 1956 bestritt er insgesamt drei Länderspiele an der Seite von Fritz Walter, Max Morlock, Hans Schäfer, Jupp Posipal und Horst Eckel. Er war zwar kein Weltmeister von 1954, gehörte aber fest zu diesem legendären Kreis. Auf welchem Niveau er spielte, verdeutlicht ein Zitat von Alfredo Di Stéfano, dem Weltstar von Real Madrid, nach einem Spiel gegen den VfB: „Der beste Mann auf dem Platz war der Einarmige. Was ich von ihm gesehen habe, war für mich bis jetzt unvorstellbar.“

Fester Teil der Mannschaft: Robert Schlienz (r.) im Kreis seiner Mitspieler. Wegen seiner starken Leistungen kam auch der Bundestrainer nicht an ihm vorbei. (Foto: Castagne Helibronn)

Schlienz führte nach seiner aktiven Karriere zunächst ein Sportgeschäft, arbeitete dann als Handelsvertreter und schwang in seiner Freizeit den Tennisschläger in seinem Wohnort Dettenhausen. Zudem besuchte er regelmäßig die Spiele seines VfB Stuttgart, der ihn zum Ehrenspielführer ernannte und das Stadion seiner zweiten Mannschaft und der Jugend nach ihm benannte. Unmittelbar vor der Ehrung für seine 50-jährige Vereinsmitgliedschaft starb Robert Schlienz am 12. Juni 1995 an einem Herzinfarkt. Geblieben ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Sportler mit einem unerschütterlichen Willen.

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