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Gerade einmal eine Stunde Busfahrt trennt die gewohnte Umgebung, das Leistungszentrum der TSG-Akademie in Hoffenheim, von Adelsheim. Und doch kam die Fahrt der U17-Fußballer der TSG an diesem Frühlingsnachmittag in die Kleinstadt im Neckar-Odenwald-Kreis der Reise in eine andere Welt gleich. Das Team inklusive seiner Coaches und übrigen Betreuer besuchte die Justizvollzugsanstalt Adelsheim, um eine Führung sowie eine gemeinsame Trainingseinheit mit Strafgefangenen zu absolvieren und sich mit den dort einsitzenden jungen Männern auszutauschen. Seit mehreren Jahren übernimmt die TSG Hoffenheim im Kontext der Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“ eine Patenschaft über die baden-württembergische Justizeinrichtung.
„Für mich war das etwas völlig Neues. Bisher kannte ich Gefängnisse nur aus dem Fernsehen“, erklärte Malina Fuchs, die als Mitarbeiterin im pädagogischen Bereich bei der TSG Hoffenheim zu den Begleiterinnen und Begleitern des Teams gehörte und zugestand, während der Anreise ein wenig angespannt gewesen zu sein. „Auch für die Jungs war das eine spezielle Situation, obwohl wir vorher über alles gesprochen hatten“, so Fuchs, „spätestens als die Spieler ihre Ausweise und Handys am Eingang der JVA abgeben mussten, wussten sie, dass eine ernstere Erfahrung auf sie wartet.“
Respekt und Neugierde vor dem Besuch
Mattia Manduzio, Kapitän der Hoffenheimer U17, wird den Moment, bevor sie das Gefängnis betraten, wohl noch eine Weile in Erinnerung behalten. „Respekt und Neugier waren auf jeden Fall da“, sagte er. Die anschließende Führung durch die JVA hinterließ ebenfalls Gesprächsstoff. „Am meisten beeindruckt hat mich die Isolationszelle. Die normalen Zellen hatte ich mir weniger grau vorgestellt“, meinte TSG-Spieler Janis Stupfl.

All diese Emotionen und Erwartungen spielten irgendwann keine Rolle mehr. Auch die Kulisse – die hohen Mauern, verschlossenen Tore und der Stacheldraht – waren vergessen, als unter blauem Himmel der Ball auf dem Kunstrasenplatz der JVA rollte. Es ging einfach um Fußball, um Pässe, Torschüsse, Dribblings und das gute Gefühl, wenn Aktionen glücken und der Ball im gegnerischen Tor landet. „Das ist hier drinnen nicht anders als auf irgendeinem Platz draußen“, sagt Heiko Link, Leiter Gefangenensport in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim.
Anita Faber, die wie Fuchs zu den Begleiterinnen der TSG gehörte, erlebte das nicht anders: „Die Jungs hatten einfach Lust, Fußball zu spielen. Auch wenn sie zuvor sehr nervös waren, auf dem Feld waren alle Berührungsängste ganz schnell weg.“
Fußball als perfekter Opener
So erlebte es auch Link. „Ich habe auf dem Fußballplatz nur noch gut gelaunte Gesichter gesehen. Alle wollten unbedingt spielen und hatten einfach Spaß und sofort einen Draht zueinander“, so Link, „Fußball bietet den perfekten Rahmen, bei diesem Sport sind alle gleich, egal, ob sie bei einem Profiverein im Nachwuchs kicken oder hier bei uns hinter Gittern.“
Die Erfahrung, dass das Vorher und Nachher, das Drumherum zur Nebensache wird, wenn Fußball gespielt wird, hat der 57-Jährige nicht zum ersten Mal gemacht. Seit 2014 kümmert er sich um die seit 2013 bestehenden Anstoß-Teams in Adelsheim. So werden jene Mannschaften genannt, die Teil der bundesweiten Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ im Bereich des Jugendstrafvollzugs sind und damit die tragende Säule im Resozialisierungsengagement der DFB-Stiftung Sepp Herberger bilden. Für die Spieler ist das regelmäßige Fußballtraining ein Privileg, das Abwechslung vom Alltag hinter Gittern bietet und eine gute Schule.
„Teamgeist, Fairplay und Disziplin sind Tugenden, die es auch im beruflichen Alltag und in der Familie braucht“, betont Link. Zum Gesamtpaket der Initiative gehören zudem Maßnahmen zur beruflichen und schulischen Bildung. Ziel ist es, die Strafgefangenen auf die Zeit nach der Haftentlassung, auf einen Neustart vorzubereiten, ihnen ein Rüstzeug für ein Leben fernab der Kriminalität zu verschaffen.

Die Ambition des Weltmeister-Trainers
Damit füllt man die Ambition des Namensgebers der Stiftung mit Leben. Denn Herberger, der Weltmeistertrainer von 1954, brach 1970 selbst auf, um Strafgefangene in der JVA Bruchsal zu besuchen und machte sich fortan für die Resozialisierung von Strafgefangenen stark. Seit 2008 liegt der Schwerpunkt des Stiftungsengagements in der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“.
„Die Besuche namhafter Persönlichkeiten aus dem Fußball und von Mannschaften aus den Reihen der Profivereine der Republik in den beteiligten Vollzugsanstalten sind ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit“, erklärt Nico Kempf, stellvertretender Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp Herberger, „die TSG-Spieler sind Vorbilder für die Jugendstrafgefangenen. Sie können ihnen aufzeigen, was mit Disziplin und Willensstärke möglich ist.“
Das Plus liegt aber nicht nur auf der einen Seite, da ist sich Faber sicher. „Die Begegnung war sehr wertvoll für die Persönlichkeitsentwicklung unserer Nachwuchsfußballer. Der respektvolle Umgang miteinander war perfekt, um Vorurteile abzubauen“, erklärte sie.
Begegnung auf Augenhöhe
Das sah ihre Kollegin Fuchs genauso. „Die Jungs sind mit Respekt reingegangen, haben dann aber eine Begegnung auf Augenhöhe erlebt. Alle waren voll dabei und haben sich eingebracht.“ TSG-Kapitän Manduzio lieferte den Grund dafür: „Die Gefangenen waren sehr offen und haben frei von ihren Erfahrungen erzählt. Es war spannend zu hören, was sie durchlebt haben.“ Und sein Mitspieler Emanuele Mailer brachte die Erlebnisse an diesem Frühlingsnachmittag auf den Punkt: „Eine andere Seite vom Leben zu sehen, hat Spaß gemacht. Aber letztlich sind die Insassen der JVA einfach nur Jungs so wie wir.“