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Fußball fasziniert. Nicht nur auf und neben dem Platz, sondern auch als literarischer Stoff: die Eleganz und Rohheit des Spiels, die großen und sichtbaren Emotionen, der umjubelte Aufstieg und tiefe Fall von Mannschaften und Idolen. Dass sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller seit jeher mit dem populärsten Ballspiel des Planeten befassen, zeigt die sehenswerte Ausstellung „Seitenwechsel“ im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut.

„Hundert Jahre deutschsprachige Fußballliteratur. Das ist ein Kader, den man erst einmal zusammenstellen muss,“ staunt Celia Šašić, Vorsitzende der DFB-Kulturstiftung, bei der Vernissage. Die 111-fache Nationalspielerin hebt in ihrem Grußwort die Bedeutung der von der Stiftung geförderten Ausstellung als umfangreichste ihrer Art hervor: „Deswegen haben wir dieses Projekt von Anfang an mit großem Interesse begleitet.“
Eigentlich erstaunlich, dass sich angesichts der langen und klangvollen Ahnenreihe fußballbegeisterter deutschsprachiger Autoren (und auch einiger Autorinnen) erst jetzt eine literaturhistorische Institution wie das Heinrich-Heine-Institut zu einer umfassenden Ausstellung entschlossen hat. Zwar gab es in der jüngeren Vergangenheit mehrere Einzelausstellungen wie die – ebenfalls von der DFB-Kulturstiftung unterstützte – Ausstellung „Günter Grass – Mein Fußballjahrhundert“, kuratiert vom Günter-Grass-Haus in Lübeck, oder die letztjährige Schweizer Schau „Friedrich Dürrenmatt – Fußball“. Aber angesichts der folgenden klangvollen Namen ist das wohl eher klein. Begonnen bei (nur um einige chronologisch zu nennen) Karl Valentin, Bertolt Brecht, Friedrich Torberg (deutscher Meister im Wasserball), Ödön von Horváth, Franz Werfel, Siegfried Lenz oder Heinrich Böll reichen sie mit Peter Handke, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Tonio Schachinger oder Bendict Wells bis in die Gegenwart.
Und schließlich, hebt Šašić hervor, „sind wir als Stiftung ein kleines bisschen auch selbst Teil dieser Ausstellung. Das liegt an einer ganz besonderen Mannschaft, der deutschen Autoren-Nationalmannschaft. Wir begleiten sie seit unserer Gründung als Partner und Förderer. Geprägt haben sie ganz wesentlich zwei Mitglieder unseres Kuratoriums: Albert Ostermaier und Moritz Rinke.“ Die Autoren-Nationalmannschaft, kurz Autonama, ist ein 2005 auf Initiative von Thomas Brussig gegründetes Fußballteam aus Schriftstellern. Seit 2008 spielt sie unter dem Dach der DFB-Kulturstiftung gegen Teams von Schriftstellenden und Kunstschaffenden aus aller Welt, die dabei alle gewinnen: an Erfahrung, Ausdrucksvermögen und Freundschaften.
Autoren wie Benedict Wells, Sönke Wortmann oder Wolfgang Herrndorf haben das Trikot mit dem Adler getragen, von dem sich ein Exemplar von 2008 in der Ausstellung befindet. In wechselnden Kooperationen wie dem Auswärtigen Amt oder dem Goethe-Institut sind die „Botschafter in kurzen Hosen“ mittlerweile international anerkannte Repräsentanten und Kulturvermittler. Die gemeinsame Leidenschaft für den Fußball ist das verbindende Element von literarischen Begegnungen der Autorinnen und Autoren. Davon zeugt in der Düsseldorfer Ausstellung unter anderem ein besonders schönes Objekt: Der Wimpel, den das spanische Autoren-Team der Autonama vor dem Finale der Autoren-EM 2024 in Berlin überreichte. Darauf prangt das kunstvoll gemalte Portrait des spanischen Dichterheroen Cervantes – mit einem Fußballschuh als Kopfbedeckung.

Das Verhältnis von Literatur und Fußball war nicht immer so harmonisch. Anlässlich der WM 2006 beschrieb es der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als „feindliche Brüder“. Und das trotz Annäherungsversuchen von Beginn an. Während sich Autoren wie Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholksky noch spöttisch über das aus England importierte und in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland immer populärer werdende Ballspiel äußern, sind Schriftsteller wie Egon Erwin Kisch und Ödön von Horváth schon früh euphorisiert. Mit der mit dem „Wunder von Bern“ – dem WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft 1954 – und der Einführung der Bundesliga 1963 einhergehenden Popularisierung des Fußballs in breiteren Gesellschaftsschichten wurde er dann zum literarischen Objekt. Das zeigen originale Typoskripte und Handschriften von Günter Grass, Friedrich Christian Delius und Péter Esterházy, die sich künstlerisch mit den Weltmeisterschaften 1954 und 1974 beschäftigen. Im Laufe der 1970er Jahre wird das Schreiben über den Fußball immer beliebter. Autoren wie Ror Wolf und Eckhard Henscheid greifen die durch Funk und Fernsehen verbreitete Fußballsprache auf und verweben diese zu literarischen Collagen.
Gesteigert durch den riesigen Publikumserfolg von Nick Hornbys „Feverpitch“ und dem „Sommermärchen“ der WM 2006 beschäftigen sich auch heutzutage zahlreiche deutsche Autorinnen und Autoren mit dem Fußball, wie Šašić betont: „Der Grund ist eigentlich ganz einfach. Unter den Millionen Menschen, die Fußball spielen oder ihn lieben, sind eben auch viele, die schreiben. Und es werden immer mehr Frauen. Das freut mich ganz besonders. Einen großen Schub gab es 2006. Dieser Sommer hat den Fußball bis in den letzten Winkel unserer Gesellschaft getragen. Und offenbar auch an sehr viele Schreibtische.“
Dass das poetische Spiel Fußball und Lyrik zu verbinden vermag, haben Dichter wie Ludwig Harig, Eckhard Henscheid und vor allem Albert Ostermaier beeindruckend nachgewiesen – letzterer zum Beispiel durch seine bekannten Oden an große Spieler der Vergangenheit und Gegenwart („Flügelwechsel“, 2014). Unter ihnen Oliver Kahn: „wenn er beim eckball wie eine blonde katze aus dem tor stürmt auf einer welle der begeisterung durch die blauen lüfte fliegt“.
Und die Fußballer selbst? Auch sie sind in ungewöhnlichen Videos Teil der Ausstellung: Besagter Oliver Kahn rezitiert Rilkes Gedicht „Der Panther“. Anlässlich einer seiner letzten Trainerstationen 2019 beim Spiel der deutschen Autonama gegen Norwegen fängt Otto Rehagel aus dem Stehgreif an, Heinrich Heine zu zitieren – freilich nicht das Sommer-, sondern das „Wintermärchen“.
Die mit viel Kenntnis und Mühe vom Heinrich-Heine-Institut zusammengetragenen Gedichte, Manuskripte, Bücher, Trikots, Aquarelle, Zeichnungen, Zitate, Pokale und Bälle sind jedoch mehr als l’art pour l’art. Das zeigt eines der jüngsten Ausstellungsobjekte: Die Trophäe des „LESE-KICKERS“. Erst im vergangenen Jahr wurde sie von der DFB-Kulturstiftung und der LitCam gGmbH für das beste Fußball-Kinderbuch an Andreas Schlüter für „Elfmeter für die Nachbarschule“ vergeben. Der LESE-KICKER prämiert alle zwei Jahre das beste Fußball-Kinder- und Jugendbuch des Jahres.
Eine besondere Auszeichnung: Denn „entschieden wird nicht nur von einer Fachjury, sondern auch von rund 3.000 Schülerinnen und Schülern aus 150 Klassen in ganz Deutschland. Die Kinder lesen, diskutieren und stimmen ab. Sie sind nicht Zielgruppe, sie sind die Jury. Genau so entsteht Lust am Lesen,“ so Šašić. Und das ist wichtig: „Wir wissen, dass zu viele Kinder in Deutschland Probleme beim Lesen haben – etwa jedes vierte Kind in der vierten Klasse, und besonders häufig Jungen. Was kann der Fußball da leisten? Mehr, als man vielleicht denkt. Fußball ist die Lieblingssportart von Kindern und Jugendlichen. Keinen Sport spielen sie häufiger selbst, keiner begeistert mehr Fans. Wer für den Fußball brennt, greift vielleicht auch zu einem Buch über Fußball. Und dann vielleicht zu einem zweiten.“

Um Kinder und Jugendliche auch in Düsseldorf aktiv in die Ausstellung einzubinden, legt die DFB-Kulturstiftung den Fokus ihrer Förderung auf Vermittlung „an ein junges Publikum und alle, die vom Fußball kommen“, so die Stiftungsvorsitzende, „bis hinein in die Mannschaften und Vereine. Wir fördern deshalb gezielt vier Bausteine: Erstens die ‚Ballpoesie‘, das zentrale Element der Ausstellung. Hier können Besucherinnen und Besucher eigene Texte schaffen. Niemand bleibt nur Zuschauer. Zweitens eine Workshopreihe, in der Kinder und Jugendliche ihre eigenen Fußballbücher gestalten. Drittens Lesungen von Autorinnen und Autoren sowie Schauspielerinnen und Schauspielern in Fußballvereinen als Heimat des Fußballs. Und viertens eine literarische Soiree, bei der Tom Bartels Texte aus hundert Jahren Fußball liest. Diese Ausstellung bleibt also nicht in diesen Räumen. Sie geht dorthin, wo gespielt wird.“
Denn „beim Fußball und beim Lesen passiert im Grunde dasselbe. Man taucht ein. Man fiebert mit. Man leidet. Man jubelt. Und man merkt, dass man mit diesen Gefühlen nicht allein ist.“
Die Sonderausstellung „Seitenwechsel. Literatur und Fussball“ ist bis zum 10. Januar 2027 im Heinrich-Heine-Institut zu sehen (Bilker Straße 12-14, 40213 Düsseldorf, weitere Informationen auf der Webseite). Begleitveranstaltungen sind in diesem Kalender des Heinrich-Heine-Instituts zu finden. Gefördert durch die DFB-Kulturstiftung.