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Zum 40-jährigen Jubiläum der Mexico-Hilfe stellt die Stiftung der Nationalmannschaft 86.000 Euro bereit. Das Team um Kapitän Joshua Kimmich unterstützt damit Bildungsprojekte in Mexico-City, Guadalajara und Querétaro. Die Mexico-Hilfe entstand im WM-Sommer 1986. Seither werden ununterbrochen Bildungsprogramme für bedürftige Kinder und Jugendliche vor Ort unterstützt. Realisiert wird die Hilfe durch die DFB-Stiftung Egidius Braun. Die Zuwendung wurde am Rande des öffentlichen Trainings auf dem DFB-Campus symbolisch übergeben.
Pünktlich zur anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft feiert die Mexico-Hilfe ihren 40. Geburtstag. Sie entstand während der WM 1986 und wurde später zur Keimzelle der vor 25 Jahren errichteten DFB-Stiftung Egidius Braun. Die Bedeutung Brauns für die Mexico-Hilfe hebt Sportdirektor Rudi Völler hervor: „Wenn Egidius Braun nicht DFB-Präsident geworden wäre, hätte es das alles nicht gegeben. Er war das Zugpferd, der Antreiber, der Motor, der sagte: ‚Komm, da müssen wir was machen als DFB.‘“ Das unterstreicht auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf: „Die Mexico-Hilfe gäbe es ohne Egidius Braun, aber auch Rudi Völler und Toni Schumacher sowie den Gründungsgeschäftsführer der Stiftung, Wolfgang Watzke, nicht. Egidius Braun hat stets vorgelebt, was eigentlich selbstverständlich, was uns allen doch eigentlich von Natur aus gegeben sein sollte: Menschlich zu sein. Menschlichkeit zu zeigen, Menschlichkeit zu leben. Für andere, mit denen es das Schicksal nicht so gut gemeint hat, sprichwörtlich da zu sein. Einander zu helfen.“
Zusammen mit seinen Teamkollegen war Rudi Völler im Sommer 1986 eigentlich nach Mexiko gekommen, um bei der WM Fußball zu spielen und für Deutschland Tore zu schießen. Doch für Delegationsleiter Egidius Braun, damals Schatzmeister des DFB, war Fußball eben schon immer mehr als ein 1:0 und schon vor dem Abflug stand fest, dass es in Mexiko ein Rahmenprogramm geben werde. Der Besuch der deutsch-mexikanischen Schule in Querétaro, auf die damals 150 Kinder gingen, gehörte dazu. Der gesamte Kader nahm an dem Ausflug teil, das war Pflicht und der Direktor sprach vom „stolzesten Tag in der Geschichte“ seiner Schule. Die Presse war dabei an jenem 2. Juni 1986, es wurden schöne Bilder geschossen mit kleinen Kindern in Lederhosen und hinterher stand in den Zeitungen zu lesen, dass der DFB für zehn besonders begabte, aber auch bedürftige, Schüler das monatliche Schulgeld übernehmen würde. Es war schon die dritte gute Tat in der ersten Woche in Mexiko nach einer Spende für ein Kinderhospital in Morelia (25.000 DM) und für ein Altenheim in Querétaro (4.000 DM).
Beckenbauer: „Wir sahen katastrophale Zustände“
Dann klopfte eines Tages Ordensschwester Adela Rodriguez Pinon an das Tor des DFB-Quartiers „Mansion Galindo“ und verlangte energisch Gehör. Sie wurde vorgelassen und Egidius Braun erklärte sich bereit, sich ihr Waisenhaus, die Casa de Cuna, anzusehen. Nun war die Delegation kleiner, diesmal war es keine Pflicht. Der Torwart von 1986, Harald »Toni« Schumacher, erinnert sich: „Es wurde gefragt, wer Lust hat, da mitzukommen. Ich kann mich nur an Rudi und mich erinnern. Ich war froh, mal rauszukommen, und bin ja damals mit Egidius Braun auch sonntags immer in die Messe gegangen.“ Franz Beckenbauer und Felix Magath waren auch dabei und was sie da sahen, nennt Völler damals wie heute „einen erbärmlichen Zustand. Man hatte das Gefühl, das Waisenhaus platzt aus allen Nähten“. Überbelegt und unterirdisch ausgestattet. Verängstigt wirkende Kinder hockten in kaum möblierten Räumen, zu wenige Betten, manche ohne Bettzeug, den Babys dienten Apfelsinenkisten als Lagerstatt, Pappe ersetzte Fensterglas, Spielzeug war beschädigt und das Essen immer gleich: Tortillas mit Bohnen. Franz Beckenbauer sagte: „Wir sahen katastrophale Zustände. So was kennt man in Deutschland nicht.“
Sichtlich beeindruckt traten die Gäste die knapp halbstündige Rückreise an. Völler: „Es ist ein großer Unterschied, ob man so was im Fernsehen sieht oder ob man vor Ort ist und so einen Kleinen auf den Arm nimmt.“ Beeindruckt von dem, was er sah, stellte Völler als erster Spender 5.000 DM bereit.

Zurück in Deutschland entstand die Mexico-Hilfe
Wenige Wochen später verließen Völler und seine Teamkollegen als Vize-Weltmeister das Land, ließen sich auf dem Frankfurter Römer feiern und hätten alles allmählich vergessen können. Das Leben ging ja weiter und dass es irgendwo auf der Welt immer Elend geben wird, das war eben so. Was kann der Fußball da schon tun?
Doch Egidius Braun fand sich nicht damit ab und füllte seine Haltung („Wir sind nicht nur hier, um etwas mitzunehmen. Wir wollen auch etwas dalassen.“) zurück in Deutschland weiter mit Inhalt. Die Mexico-Hilfe wurde kurz nach der Rückkehr gegründet. In sie flossen Völlers Spende und Einnahmen aus Benefiz- und Abschiedsspielen. Dadurch motiviert beteiligten sich viele Akteure der Fußballfamilie an der Initiative: Schiedsrichter überwiesen die Spesen des ersten Saisonspiels, in Vereinslokalen standen Spendenbüchsen und selbst Gewinne aus Hallenkreismeisterschaften von Kindern gingen an die Mexico-Hilfe. Nicht zufällig waren Vereine aus Brauns Heimatverband oft ganz vorne dabei. Seit 1989 etwa veranstaltet Brauns Heimatklub, der SV Breinig in Stolberg bei Aachen, alljährlich ein Jugendturnier zu diesem Zweck. Auf Gut Kambach in Eschweiler wird gegolft. Ralph-Uwe Schaffert, der Vorsitzende des Stiftungsvorstandes, ist dafür dankbar: „Die Mexico-Hilfe ist die Keimzelle der Stiftung. Bis heute sind uns viele Menschen darüber verbunden. Das wissen wir auf besondere Weise zu schätzen.“
Matthäus: „1986 war der Anfang einer Reise, die bis heute nicht aufgehört hat“
Die Strahlkraft der Mexico-Hilfe ist mittlerweile so groß, dass sie zur Erbin wird. Peter Muckel hinterließ der Mexico-Hilfe 2021 seinen Nachlass. Bis heute waren und sind viele Spieler des 1986er-Kaders der Mexico-Hilfe verbunden. Völler: „Ich habe viele Honorare von Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen war, in die Mexico-Hilfe gegeben, das war für mich immer klar. Auch bei meinem Abschiedsspiel habe ich einen relativ großen Betrag gegeben. Wenn Du die handelnden Organisationen kennst, weißt Du genau, das kommt an.“ Auch Lothar Matthäus spendete aus den Erlösen seines Abschiedsspiels an die Mexico-Hilfe und ergänzt Völlers Gedanken: „1986 war der Anfang einer Reise, die bis heute nicht aufgehört hat. Zu sehen, wie professionell das heute gesteuert wird, ist für uns Spieler von damals ein großartiges Gefühl und für die Kinder und Jugendlichen vor Ort in Mexiko von hohem Wert.“ Hans-Peter Briegel war ebenfalls als Spieler dabei und sagt: „Wir haben damals in den Gesichtern der Menschen gesehen, dass wir mehr bewegen können als nur ein Ergebnis auf der Anzeigetafel. Diese Dankbarkeit hat uns als Mannschaft geprägt und mich motiviert, die Mexico-Hilfe zusammen mit meiner Frau zu unterstützen.“
Pierre Littbarski ging im Kreis der Nationalspieler „mit dem Hut herum“, wie es im DFB-Journal von 1989 hieß, und sammelte eifrig 100-Mark-Scheine für die Mexico-Hilfe ein. Toni Schumacher bestätigt die Geschichte witzelnd, »bei ihm glaube ich auch, dass er das Geld weitergegeben hat«.

Unterstützung aus Deutschland gibt Chance auf ein selbstbestimmtes Leben
Weit über 10.000 Kinder profitierten bis heute von der Mexico-Hilfe, die auch Besuche in Deutschland beinhaltete.
Madre Cristina, die heute die Arbeit in der Casa de Cuna leitet, findet dafür emotionale Worte: „Die DFB-Stiftung Egidius Braun und die Mexico-Hilfe sind für uns wie eine Familie, die niemals weggegangen ist. Auch durch die Unterstützung aus Deutschland haben unsere Kinder eine echte Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.“
Längst ist die Mexico-Hilfe mehr als eine WM-Initiative geworden. Im Laufe der Zeit kamen immer wieder Projekte hinzu, die das Engagement heute ausmachen: Neben der Casa de Cuna, die vom einstigen Waisenhaus zu einer modernen Kindertagesstätte geworden ist, steht das Schulzentrum La Barranca in Guadalajara als Symbol für Bildungschancen unter schwierigen Startbedingungen. Die Aktivitäten der FAE-Foundation finden in Mexico-City auf und neben einer riesigen Müllkippe statt.
Bei allen Erfolgen gab es auch Aktivitäten, die nicht dauerhaft Bestand hatten. Im Umfeld jener Müllkippe in Mexico-City entstand vor der Corona-Pandemie auch eine vom Ehepaar Bierhoff mitfinanzierte Berufsschule. Aus Sicherheitsgründen und wegen der Pandemie musste sie geschlossen werden. Oliver Bierhoff blickt gleichwohl positiv zurück: „Wichtig ist, dass wir angefangen haben. Bildungsprojekte gerade in solchem Umfeld sind eine Herausforderung, aber jeder Jugendliche, dem wir helfen können, zählt.“
Mit Fußball, das betont der aktuelle Stiftungsgeschäftsführer der Stiftung, Tobias Wrzesinski, haben die Projekte bis heute nichts zu tun. Weder das Schulzentrum La Barranca in Guadalajara oder die Casa de Cuna in Querétaro noch die Projekte in Mexiko-Stadt, um nur einige zu nennen: „Es geht immer um Bildung, sie ist der Schlüssel“, sagt Wrzesinski. Das gilt heute wie vor 40 Jahren. Die Idee von einst lebt weiter. Das bestätigt auch die jüngste Zuwendung der Stiftung der Nationalmannschaft.
Die Projekte in Mexiko – Bildung als Zukunftschance
Kindertagesstätte und Kindergarten „Casa de Cuna“, Querétaro
Schulzentrum „La Barranca“, Guadalajara
FAE-Bildungsprojekte, Mexico-City