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Manchmal sind es die simpelsten Fragen, die bei jungen Menschen das größte Interesse auslösen. Neu ist Harm Osmers als Familienvater diese Erkenntnis nicht. Kinder und Jugendliche sagen eben, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die Gelegenheit, mit Osmers einen langjährigen Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichter zu löchern, bot sich einer Gruppe 13- bis 15-Jähriger im Uwe Seeler Fußball Park in Malente zum Auftakt der diesjährigen Fußball-Ferien-Freizeiten der DFB-Stiftung Egidius Braun. Und eine der Fragen lautete: Wie spricht man eigentlich einen Schiedsrichter korrekt an?
Osmers Antwort ließ die Umstehenden staunen. „Du kannst es eigentlich nicht falsch machen. ‚Herr Schiedsrichter‘ ist eine Variante, ‚Hey Schiri‘ ist auch okay und von mir aus kannst Du zu mir auch ‚Digga‘ sagen“, so der 41-Jährige. Digga? Zum Schiedsrichter? – ja sagt Osmers. Entscheidend sind nicht das Wort, sondern der Kontext und der Ton. „Ausschlaggebend ist es, sich respektvoll zu verhalten“, stellt er klar und schlägt damit die Brücke zum übergeordneten Thema der insgesamt 18 einwöchigen Freizeiten, die neben dem Uwe Seeler Fußball Park in Malente auch in den Sportschulen der DFB-Landesverbände in Edenkoben, Duisburg, Grünberg, Karlsruhe (Schöneck) und Bad Blankenburg durchgeführt werden. Dieses lautet in diesem Jahr „Fairplay und Respekt“.
1.000 Jugendliche aus 75 Vereinen sind dabei
Osmers hat dieser Fokus direkt gepackt, sagt er. Daher hat er als Mitglied des Kuratoriums der ausrichtenden DFB-Stiftung Egidius Braun auch gerne die Schirmherrschaft für das diesjährige Programm übernommen, an dem sich rund 1.000 Jugendliche aus 75 Fußballvereinen beteiligen. Sie alle sind eingeladen zu Tagen voller Sport und Kurzweil mit einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm. Die Kosten übernimmt die Stiftung. „Das Schwerpunktthema ist cool, ich messe ihm große Bedeutung bei – für den Fußball und für die Gesellschaft insgesamt“, stellt Osmers klar. Beim Fußball sei es so, dass jeder dasselbe sehe, aber alle ihre eigene Bewertung hätten. „Das sollte man wieder ein wenig zusammenführen“, findet der Niedersachse.

Als Bundesliga-Schiedsrichter habe er eine Vorbildfunktion. „Kinder und Jugendliche kopieren vieles. Wenn sich im Profibereich ein Spieler bei der Freistoßmauer hinlegt, machen das alle nach. Das gleiche gilt für den Torjubel und eben auch das Verhalten in emotionalen Momenten“, erklärt er. Osmers sagt, er wolle nicht nur predigen, sondern auch vorangehen.
Start an geschichtsträchtiger Stätte
Exakt das ist der Grund, der ihn nach Malente geführt hat. An jene Stätte, die einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Fußballnation hat, weil dort bei der WM 1974 die Nationalmannschaft ihr Quartier hatte, die überraschende 0:1-Niederlage gegen den DDR verarbeitete und einen Spirit entwickelte, den „Geist von Malente“. Optimale Bedingungen bietet die Sportschule in Schleswig-Holstein auch in heutigen Zeiten. „Das Ambiente ist super und das Programm überragend“, findet Osmers. Als Jugendlicher hätte er nur zu gerne an einer der Fußball-Ferien-Freizeiten teilgenommen, betont er.
Nun ist er in einer anderen Rolle dabei, spricht mit den Mädchen und Jungen über Werte, den Sport und vieles andere. Eines hat sich aber nicht verändert. „Die Teilnehmenden ticken wie ich früher. Alle haben Bock auf Fußball“, sagt er. Auch habe sich das grundsätzliche Empfinden für richtig und falsch, Fairness und Unfairness nicht gewandelt. „Der Kompass der Jugendlichen ist in Ordnung“, so Osmers. Doch es gebe eben eine Menge Einflüsse, nicht zuletzt durch die digitalen Medien. Darum sei es so wichtig, das Thema in diesem Alter aufzugreifen und mit Leben zu füllen. „Genau hier setzen die eigens für die Fußball-Ferien-Freizeiten abgestimmten Bildungsmodule an. Wir wollen den Jugendlichen keine theoretischen Vorträge halten, sondern sie in ihrer Lebenswelt abholen“, bekräftigt Tobias Wrzesinski, Geschäftsführer der DFB-Stiftung Egidius Braun. „Durch den Mix aus Sportpraxis und interaktiven Workshops regen wir die Jugendlichen dazu an, ihren eigenen Kompass zu schärfen und die Werte von Fairplay und Respekt aktiv in ihren Vereinsalltag mitzunehmen.“

„Auf dem Bolzplatz wird der Elfmeterpunkt nicht zerhackt“
Eigentlich sei der Fußball denkbar einfach, meint Osmers. Man brauche einen Ball und zwei Tore. Handspiel und Foul seien verboten, Respekt unverzichtbar, fasst er es zusammen. „Auf dem Bolzplatz käme niemand auf die Idee, vor der Ausführung eines Strafstoßes den Elferpunkt mit den Füßen zu zerhacken“, spricht Osmers die Geschehnisse beim Match zwischen Paraguay und Frankreich bei der Weltmeisterschaft an, von denen sich der französische Superstar Kylian Mbappé letztlich nicht beeindrucken ließ.
Der faire Umgang miteinander sei in jedem Training und jedem Spiel, auf jedem Level wichtig. „Ich habe den Teilnehmenden auch geraten, sich bei Siegen daran zu erinnern, wie man sich als Verlierer fühlt“, schaut Osmers auf den Austausch zurück. Im Umgang mit Unparteiischen sei es in Ordnung, Fragen zu stellen und auch auf sein Recht zu pochen, es sei aber nicht okay, mit mehreren Spielern den Schiri anzugehen und ihn unter Druck zu setzen. Eltern und erwachsene Spieler müssten sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Die sogenannte Kapitänsregel, also die Vorgabe, dass in erster Linie der Spielführer mit dem Unparteiischen spricht, hält Osmers für einen guten Schritt. „Es wird aber eine Fußballer-Generation brauchen, bis sich dieses Verhalten wirklich etabliert hat“, glaubt er. Bei der Handregel müsse die Überregulierung weg, es solle wieder einfacher sein und dem gesunden Menschenverstand mehr Raum gegeben werden, findet er.

Vielschichtige Lehren der FIFA WM 2026
Die Lehren aus der WM seien vielschichtig. Die sogenannte Flüstergeste goutiert Osmers, den Versuch Außenstehender auf den Wettbewerb Einfluss zu nehmen, nicht. „Es ist schade, wenn es bei einem Turnier weniger um Fußball und mehr um Dinge außerhalb des Platzes geht“, betont er. Denn der Fußball fasziniere, besitze Strahlkraft und habe die Möglichkeiten, Menschen zu verbinden. Genau das habe DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun doch gemeint, als er unterstrich, dass Fußball mehr ist als ein 1:0.
Für Osmers selbst gilt das noch in anderer Hinsicht. Als Kind vom Dorf habe der Fußball seine Neugierde auf die Welt gestillt. Das sei immer seine Motivation für die Schiedsrichterei gewesen. Daher konnte er auch eine weitere Frage in Malente mit einer im ersten Moment verblüffenden Antwort parieren: Als die Jugendlichen wissen wollten, was für ihn das coolste Stadion war, nannte Osmers keine große Arena, er erzählte von einem Platz auf den dünn besiedelten Färöer-Inseln, wo er Mühe hatte, ein Match der Conference League zu leiten, weil der heftige Wind nicht von großen Tribüne gebremst wurde, sondern in voller Stärke über das Feld pfiff. Ein spannender Bericht an einem spannenden Nachmittag in Malente.