15.5.2026

Nie wieder Abseits – Ausstellung erinnert an Gottfried Fuchs

Anlässlich der FIFA WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA erinnert die heute in Montreal eröffnete Ausstellung „Nie wieder Abseits“ des Goethe-Instituts Nordamerika an den Nationalspieler Gottfried Fuchs. Auf Initiative der DFB-Kulturstiftung stellt die für den Schulunterricht konzipierte Ausstellung einen von nur zwei jüdischen Spielern der deutschen Nationalmannschaft in den Mittelpunkt, der bis heute ein Vorbild für Sportlichkeit und Fairness ist und seit über 100 Jahren einen unglaublichen Torrekord hält.

Statistisch gesehen ist er der torgefährlichste Spieler in der Geschichte der Nationalmannschaft: mit 13 Toren in nur sechs Länderspielen und einer Quote von 2,13 Toren pro Spiel liegt er vermutlich ebenso uneinholbar an der Spitze wie mit seinem Rekord von zehn Treffern, die er 1912 beim Olympischen Fußballturnier in Stockholm beim 16:0-Rekordsieg der Nationalmannschaft gegen Russland erzielte. Aber die Lebensgeschichte von Gottfried Fuchs steht für so viel mehr als Tore: sie erzählt von den großen sportlichen, persönlichen und beruflichen Erfolgen eines untadeligen Sport- und Geschäftsmanns und über die traumatischen Erfahrungen von Verfolgung, Auslöschung und Flucht vor den Nazis bis hin zu seinem Neuanfang in der Fremde, in Kanada.

Gottfried Fuchs im Vordergrund, Julius Hirsch im Hintergrund stürmen im Match gegen Mannheim, 1912. (Bild: Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Familie Fuchs)

Geboren 1889 als Sohn einer im Holzhandel erfolgreichen Unternehmerfamilie in Karlsruhe gehört Gottfried Fuchs zur ersten Generation von Fußballspielern in Deutschland. Seine frühen Erfolge mit dem Düsseldorfer FC und dem Karlsruher FV, mit dem er 1910 deutscher Meister wird, bringen ihm 1911 seine erste Berufung in die Nationalmannschaft ein. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 nimmt ihm seine vermutlich besten Jahre als Fußballspieler. Der 25-Jährige meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, kämpft vier Jahre an der Westfront, wird mehrfach verwundet, und seiner besonderen Tapferkeit wegen mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse sowie Ritterkreuz mit Schwertern des Königlichen Hausordens von Hohenzollern ausgezeichnet.

Was folgt ist eine überaus erfolgreiche kaufmännische Laufbahn im international tätigen Familienbetrieb, die Heirat, vier Kinder – und der 30. Januar 1933. Mit der Machtübertragung an Hitlers NSDAP wird das Leben von Gottfried Fuchs von einem Tag auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt. Nach Ausgrenzung, Verfolgung, Vertreibung und Zwangsverkauf seiner Firma gelingt der Familie in letzter Sekunde die Flucht nach Kanada. Dort angelangt, ist er 1940 gezwungen, sich und seiner Familie unter dem Namen Godfrey Fochs eine neue Existenz aufzubauen. Mit Erfolg. 1972 stirbt er mit 82 Jahren in Montreal. An seine Karriere als Fußballspieler erinnern sich damals nur noch wenige. 1971 wird er als Ehrengast zu einem Freundschaftsspiel des FC Santos eingeladen. Ein Foto zeigt ihn mit dem großen Pelé.

Montreal, Juni 1971: Vor einem Spiel des FC Santos trifft Godfrey Fochs auf den Weltstar Pelé. (Bild: Archiv Familie Fuchs)

Beim DFB hingegen will man von seinem Rekordtorschützen nichts mehr wissen. Die Anregung von Sepp Herberger, ihn in Erinnerung an seinen Torrekord 60 Jahre zuvor zum Eröffnungsspiel des Olympiastadions München 1972 gegen die UdSSR einzuladen, schlägt der DFB-Vorstand kühl ab. Unter Verweis auf dessen mangelnde Bekanntheit und die Kosten der Flugreise. Für den ehemaligen Bundestrainer Herberger, der den torgefährlichen, eleganten und stets fairen Fuchs seit seiner Jugendzeit bewundert, eine „einzige Enttäuschung.“

Auch das Ende des langwierigen und komplexen „Wiedergutmachungsverfahrens“, das er in Deutschland einleitet, um eine Entschädigung für das von den Nationalsozialisten enteignete Eigentum zu erhalten, erlebt Fuchs nicht mehr persönlich. Erst Jahrzehnte später führten es seine Enkelkinder zu Ende. Am tiefsten aber bedrückt ihn die Ermordung seines früheren Mitspielers Julius Hirsch. Der Freund und Sturmpartner beim Karlsruher FV und in der Nationalmannschaft wird 1943 nach Auschwitz deportiert. Fuchs weigert sich deswegen zeitlebens, das Vereinsgelände des Karlsruher FV noch einmal zu betreten.

Es dauert schließlich mehr als 50 Jahre bis Historiker wie Werner Skrentny und Fußballanhänger um die Jahrtausendwende die Lebensgeschichten von Fuchs, Hirsch und vieler anderer jüdischer Fußballpioniere wieder ins Gedächtnis des deutschen Fußballs zurückbringen. Auch in das des DFB. Heute erinnern öffentliche Plätze und Straßen, Ausstellungen, Filme, Fanszenen und Schulen an sie – und Auszeichnungen wie der Julius Hirsch Preis des DFB und der Jugendpreis Gottfried Fuchs.

Die Mitglieder der Familie Fuchs sind heute über vier Kontinente hinweg eng miteinander verbunden und engagieren sich in verschiedenen Projekten, die darauf abzielen, ein Bewusstsein zu schaffen, das aus der Geschichte Lehren für das Handeln heute zieht. So auch mit der nunmehr vom Goethe-Institut auf Anregung und mit Förderung der DFB-Kulturstiftung erarbeiteten Ausstellung. Produziert in insgesamt vier Sprachen und begleitet von eigens entwickelten Unterrichtsmaterialien soll sie in der Bildungsarbeit an Institutionen, Schulen und Universitäten in Nordamerika eingesetzt werden.

Gottfried und Genia in den Schweizer Alpen. (Bild: Privatarchiv Familie Fuchs)

Denn die Geschichte von Gottfried Fuchs – Nationalspieler, Rekordhalter, Exilant – ist ebenso bewegend wie lehrreich. Sie vermittelt jungen Menschen Wissen über ein schreckliches und verbrecherisches Kapitel der deutschen Geschichte; Jahre des Schreckens, die sich vor fast einem Jahrhundert ereigneten, aber nicht vergessen werden dürfen. Es geht nicht nur darum, was war, sondern auch darum, was ist und was sein wird. Denn trotz aller Leiden gelang es Gottfried Fuchs, sich in Kanada als Godfrey Fochs ein neues Leben aufzubauen. Der Schmerz des Exils ging einher mit der bewussten Entscheidung, das Leben anzunehmen und seinen Kindern eine sichere Zukunft zu gewährleisten. Diese Widerstandsfähigkeit prägte die nachfolgenden Generationen.

Celia Šašić, Vorstandsvorsitzende der DFB-Kulturstiftung, sagt: „Fußball-Weltmeisterschaften sollten immer ein Anlass sein, die kulturelle Bedeutung des Fußballs zu beleuchten und Wissen zu vermitteln. Im Gastgeber-Land Kanada wollen wir deshalb an den deutschen Nationalspieler Gottfried Fuchs erinnern, dessen Lebensgeschichte uns mit aller Deutlichkeit zeigt, wie wichtig es ist, sich kontinuierlich gegen Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung einzusetzen. Das Leben von Gottfried Fuchs mahnt, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.“

Die Ausstellung „Nie wieder Abseits – Die Geschichte von Gottfried Fuchs“ wird am 15. Mai, 17:00 Uhr Ortszeit, im Goethe-Institut Vancouver offiziell eröffnet. Weitere Ausstellungseröffnungen finden in den kommenden Monaten an der McGill University, Montreal, UQAM (Montreal) sowie im Goethe-Institut Toronto statt.

Alle weiteren Informationen sowie die Ausstellung im Download:  Nie wieder Abseits - die Geschichte von Gottfried Fuchs - Goethe-Institut Kanada

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